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Das Andenken unserer ruhmvollen Ahnen ehren…

In ihrem Aufsatz berichtet Irina Safonova über das Palecher Geschlecht der Palikin. Er erschien am 17. Juli 2007 im Ressort „Heimatkunde“ der Palecher Wochenzeitung „Prizyv“ („Aufruf“).
Aus dem Russischen von Gabriele Wolf-Keller, M.A., Dr. Felix Keller, Dr. Felix Waechter.

Wir leben über lange Jahre Seite an Seite mit Menschen die uns nahe stehen, mit Nachbarn, aber wir wissen so wenig von ihnen. Es ist erstaunlich, wie wenig neugierig wir sind! Jeder Mensch ist doch etwas Besonderes, repräsentiert eine individuelle Welt, ein kleines Stück unserer gemeinsamen Geschichte. Unsere Alten kannten ihre Vorfahren bis ins siebte Glied – sie wussten, wofür jemand bekannt war oder wodurch er berühmt wurde; ganz allgemein, was für ein Mensch er war.

Ich wende also meinen Blick zurück und erzähle über das berühmte Palecher Geschlecht der Palikin.

Marija Vasil'evna Palikina

Marija Vasil'evna Palikina

Fedor Vasil´evič Palikin war Ikonenmaler, ein „Ličnik“ (ein Spezialist für das Malen von Gesichtern, Anm. d. Übers.). Fast 40 Jahre arbeitete er in der Werkstatt der „Safonov“. Der Dichter Efim Vichrev schildert ihn so: „Das Fest der Dreifaltigkeit feierten die Ikonenmaler ´im Betrieb´. In der Werkstatt bemalte man die Rinde einer kleinen Birke, die Fedor Vasil´evič Palkin an der Spitze der Prozession trug, stämmig, mit breiten Schultern und einem langen, in zwei Teile gekämmten grauen Bart. Und das Gelage ´im Betrieb´ verlief dergestalt, dass am Abend kaum noch jemand auf seinen eigenen Beinen stehen konnte.“

Fedor Vasil´evič Palikin war zweimal verheiratet, und seine Familie war reich an Söhnen.

Der Älteste, Sergej Fedorovič, fiel durch seine schöne Statur und sein gutes Aussehen auf und war handwerklich äusserst geschickt. Ob er Ikonenmaler war, ist nicht bekannt, jedenfalls war er ein ausgezeichneter Tischler, Glaser und Klempner. Seinem Charakter nach war Sergej Fedorovič aufbrausend, so dass ihn seine Nachbarn und Bekannten hinter seinem Rücken "Terpentin" nannten.

Zusammen mit seinem Vater und der Genossenschaft ging Sergej in entfernte und nahegelegene Städte und Dörfer. Kehrte er nach längeren Abwesenheiten nach Hause zurück, schrie er seine Frau Felicata sogleich an: „Los, sag gleich, was du erwartet hast – einen guten Kerl oder ein Kästchen mit Gold?“ Er scherzte, entfernte sich schnell und bezüglich seines Verdienstes meinte er: „Nichts da, Fisa, ziemlich mager der Beutel. Mit diesen paar Kröten wirst du nicht lange leben.“

Ivan Fedorovič und Evpraksija Ivanovna

Ivan Fedorovič und Evpraksija Ivanovna

Sergej Fedorovič und Felicata Grigor´evna hatten zwei Töchter – Anastasija und Zinaida (Zinaidas Sohn war unser bekannter Journalist Pavel Nikolaevič Solonin). Neben den Töchtern übernahm Sergej Fedorovič die Erziehung des fünfjährigen Kostja Sofonov, eines Neffen seiner Frau. Er zog ihn gross, machte aus ihm einen Künstler und geleitete ihn in den Krieg. Strenge und Güte prägten das Leben von Sergej Fedorovič.

Ivan Fedorovič, der zweite Sohn seiner ersten Frau, einer geborenen Talanova, war das pure Gegenteil von seinem Bruder. Friedlich, ausgeglichen, von kleinem Wuchs, bewegte er sich ein wenig langsam und plump – deshalb riefen ihn die Bewohner der Il´inskaja Strasse „Bärchen“.

Seine Frau, Evpraksija Ivanovna, war wie er. Sie lebten in Eintracht, waren immer beiein-ander, aber Kinder schenkte ihnen Gott nicht. Dafür schenkte er Ivan Fedorovič die Begabung als Ikonenmaler – er war ein „Ličnik“, später widmete er sich der Porträtmalerei im Miniaturstil. Er porträtierte viele berühmte Leute.

Einige seiner Werke befinden sich im Palecher Museum. Der bemerkenswerte Künstler lebte sehr bescheiden, fast ärmlich. Sein sehr kleines Haus Nr. 56 mit drei Fensterchen steht bis heute an der M. Gor´kij-Strasse (die frühere Il´inskaja Strasse).

M. F. Palikin

M. F. Palikin

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Fedor Vasil´evič Palikin Marija Vasil´evna Sosina. Neun weitere Kinder wurden geboren: Praskov´ja, Michail, Aleksandr, Gennadij, Nikolaj, Dmitrij (Ivan, Anatolij und Spiridon starben im Kleinkindesalter).

Fedor Vasil´evičs einzige Tochter Praskov´ja war mit dem Ikonenmaler Vasilij Il´ič Safonov verheiratet, der in der Ikonenwerkstatt der Parilov tätig war. Ihr Sohn, Boris Vasil´evič Safonov arbeitet viele Jahre als Chauffeur der Kunstschule.

Michail Fedorovič Palikin fiel im Ersten Weltkrieg. Sein Sohn Valentin, Absolvent der Palecher Kunstschule, starb im Zweiten Weltkrieg. Sein zweiter Sohn – Nikolaj Michailovič Palikin – wurde Berufssoldat und diente sich bis zu seiner Entlassung zum Oberstleutnant hoch. Dann kehrte er nach Palech zurück, wo man ihn zum Vorsitzenden des Palecher Exekutivkomitees ernannte. Nikolaj Michailovič war ein tatkräftiger, aktiver Mensch. Auf seine Initiative hin wurde in Palech eine elektrische Strassenbeleuchtung realisiert, und am Fluss Paleška wurde ein Staudamm errichtet. Im Stausee wurden junge Karpfen ausgesetzt. Vor wenigen Jahren war ich dort Zeugin, wie unser Nachbar Vasilij Nikolaevič Smirnov mit der Angel zwei Karpfen von acht und sechs Kilogramm angelte.

Nikolaj Michailovič Palikin pflanzte mit seinem Onkel Dmitrij Fedorovič eigenhändig eine von der Brücke ausgehende Weidenallee, die dem Ufer des Flüsschens entlang führte. Heute erfreut uns diese Allee an heissen Tagen mit ihrer angenehmen Kühle. Nikolaj Michailovič starb 1968. In der zentralen Allee des Palecher Friedhofs steht gleich beim Eingang sein einfacher Grabstein mit einer Fotografie, die ihn in Uniform zeigt. Zweifelsohne hat der Dienst in der Armee den Charakter dieses Menschen in vielerlei Hinsicht geformt. Albert, der Sohn N.M. Palikins war als Arzt im Bezirk Tjumen tätig.

A. F. Palikin mit seiner Familie in Moskau

A. F. Palikin mit seiner Familie in Moskau

Aleksandr Fedorovič Palikin war bis zur Revolution in Moskau und arbeitete als Typograf beim bekannten Verleger I.D. Sytin. Er nahm am Weltkrieg teil und kehrte mit nur einem Bein nach Hause zurück. Seine Tochter Raissa arbeitete als Militärärztin. Sein Sohn Vitalij absolvierte das Moskauer Institut für Stahl und Stahllegierungen und arbeitete anschliessend am Wissenschaftlichen Forschungsinstitut NII-229 unter der Leitung von S.P. Korolev. Hier ein Zitat aus den Erinnerungen der Veteranen der Weltraumraketentechnik: „Der leitende Ingenieur des NII-229 Vitalij Aleksandrovič Palikin hatte grossen Anteil am Aufbau einer Anlage für Testversuche mit Raumfahrtraketen“.

Gennadij Fedorovič Palikin arbeitete viele Jahre in der Palecher Flachsfabrik. Doch auch er fühlte sich ständig zu Farben und Pinseln hingezogen. Er malte sehr gern Landschaften. Er ging weit den Fluss Ljulech entlang oder durch die Wälder von Juža, um einen reizvollen Ort zu finden. Zur Zeit der Blockade von Leningrad adoptierte er mit seiner Frau Christina Alekseevna das aus dem Dorf Tumenka stammende Mädchen Galja. Galja hielt die beiden für ihre Eltern. Sie machte eine Ausbildung als Krankenschwester und lebt jetzt in Kiev. Sie hat einen Sohn und zwei Enkelkinder.

Aber das Unglück ging auch an dieser Familie nicht vorbei. Als Christina Alekseevna schwer erkrankte, sagte Gennadij Fedorovič: „Ich gehe mit dir am gleichen Tag“. Und so geschah es. Ihre Tochter Galina kommt fast jedes Jahr nach Palech, um ihr Elternhaus zu besuchen.

Dmitrij Fedorovič Palikin, der Vater der in Palech bekannten Nina Dmitrievna Mišurova, hinterliess eine Autobiographie, in der er sein Leben ausführlich beschreibt. Hier einige Zitate daraus: „Ich genoss eine strenge Erziehung. Während zwei Wintern lernte ich Lesen und Schreiben, dann brachte mich mein Vater in die Werkstatt der Safonov. Ich sollte Ikonenmaler werden, aber hatte kein Talent zum Zeichnen und begann in der Werkstatt von Lev Parilov eine Ausbildung als Schreiner. Ich lernte Ikonentafeln herzustellen, Holzverbindungen für grosse und kleine Kreuze. Im Jahr 1914 schickte mich die Werkstatt der Safonov in die Gemeinde Gol´čicha, um „verzogene“ Ikonen zu richten. Ich machte die Sache gut, und man gab mir für diese Arbeit zusätzlich 25 Kopeken.

Dmitrij Fedorovič Palikin, Palech, 1965

Dmitrij Fedorovič Palikin, Palech, 1965

Am 13. Oktober 1941 kam ich mit meinem Bruder Gennadij an die Front. Auf dem Weg nach Leningrad bombardierten die Deutschen den Zug. Es gab viele Tote und Verwundete. Ich wurde mit Quetschungen nach Moskau in ein Lazarett überführt. Dort besuchte mich oft mein Bruder Aleksandr. Später kehrte ich nach Palech zurück, weil ich für den Kriegsdienst nicht mehr tauglich war.“

Der letzte Sohn Fedor Vasil´evič Palikins, der im Jahr 1895 geborene Nikolaj, arbeitete als Vorarbeiter in einer Druckerei im Bezirk Ivanovo. Seine 1925 und 1930 geborenen Töchter Ljudmila und Margarita leben heute in Ivanovo. Beide unterrichteten Literatur und tragen den Ehrentitel „Bestarbeiter der Volksbildung“. An der Schule, in der Ljudmila Nikolaevna unterrichtete, lernte der künftige Held der Sowjetunion, der Pilot Sergej Lazarev.

Margarita Nikolaevna arbeitete während 33 Jahre an der Pädagogischen Lehranstalt. Eine ihrer Schülerinnen, Nina Genrichovna Averina, unterrichtet an der Palecher Grundschule.

Zum Abschluss möchte man sagen:
Lasst uns einander helfen,
Uns freuen an den Erfolgen eines Freundes
Und ihm helfen in Augenblicken des Leids und des Leidens.
Ehren das Andenken unserer ruhmvollen Ahnen
und nicht aufziehen „Ivane, die sich der Verwandtschaft nicht erinnern“.1)

  1. Von einem Menschen, der die Vorfahren, die Traditionen, seine Wurzeln nicht achtet, sagt man sprichwortmässig, er sei ein „Ivan, ne pomnjaščij rod­stva“ (Anm. d. Übers.).