Artpalekh.ch / Kunstschule / Die Ausbildung zum Ikonenmaler in Palech zu Zeit der Zaren

Die Ausbildung zum Ikonenmaler in Palech zu Zeit der Zaren

Die Frage der Ausbildung des Meisternachwuchses wurde in Palech mit der Entstehung des hiesigen Ikonenmalerhandwerks aktuell. So ist aus Quellen bekannt, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Palecher Sofonov-Ikonenmalwerkstatt neben 200 Meistern auch 70 Lehrlinge angehörten. Nur Jungen im Alter von sechs, sieben oder acht Jahren wurde in die „Lehre“ gegeben. Die Ausbildung dauerte sechs Jahre. So konnte ein Lehrling mit 12 bis 14 Jahren bereits ein selbständiger Meister werden.

In den Werkstätten wurde ein spezielles Lehrsystem entwickelt. Grundlegendes Prinzip der Ausbildung war, von leichten zu schweren Arbeiten fortzuschreiten. Am Ende seiner Ausbildung musste der Absolvent ein „Abschlussbild“ malen, das sich durch besondere Sorgfalt auszuzeichnen hatte. Ab diesem Zeitpunkt war der Lehrling zu einem selbständigen Meister geworden und den Begabtesten vertraute man wichtige Aufträge unter der Anleitung erfahrener Meister an. So setzten die jungen Ikonenmaler ihre Ausbildung fort, indem sie durch ihre Berufstätigkeit ihre Fertigkeiten vervollkommneten. Aus Sicht der heutigen Pädagogik erweist sich diese von den Ikonenmalern über Jahrhunderte entwickelte und erprobte „funktionale“ Vorgehensweise als sehr wichtig. Die Aneignung von Fähigkeiten und Fertigkeiten im Rahmen gemeinsamer Tätigkeit von erfahrenen und jungen Meistern, von Lehrmeistern und ehemaligen Schülern sollte sich später auch in der Sowjetzeit bewähren. Auch hier galt, dass die berufliche Vervollkommnung in der gemeinschaftlichen Tätigkeit eine unabdingbare Voraussetzung für die langfristige Entwicklung eines jungen Künstlers war.

Im Jahr 1902 eröffnete das Komitee zur Pflege der russischen Ikonenmalerei in Palech die Staatliche Lehrwerkstatt für Ikonenmalerei. Den Ukas zu deren Eröffnung unterzeichnete Zar Nikolaj II. eigenhändig. In der Lehrwerkstatt wurde die Berufsausbildung durch Unterricht in Kirchengeschichte, Archäologie und Ikonographie ergänzt. Zum Leiter der Palecher Lehrwerkstatt wurde der Absolvent der Kaiserlichen Akademie der Künste, Evgenij Ippolitovič Stjagov ernannt. Er lehrte Kunstgeschichte, Zeichnen, Malerei, Perspektive und Anatomie. Die besten Ikonenmaler der Sofonov-Werkstatt wurden als Dozenten an die Schule berufen. Allerdings musste sich die Mehrzahl der Schüler nach Abschluss ihrer Ausbildung Arbeit in einer anderen Stadt suchen, sie wurden von den Palecher Werkstattinhabern boykottiert. Die Staatliche Lehrwerkstatt für Ikonenmalerei bestand bis ins Jahr 1918.