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Ausbildung zum Lackminiaturkünstler in Palech zur Zeit der Sowjetunion bis Mitte der 1930er Jahre

Als man in den 1930er Jahren begann, mit staatlichen Mitteln Meister der Lackminiaturmalerei auszubilden, wurde der pädagogische Ansatz der Staatlichen Lehrwerkstatt für Ikonenmalerei übernommen. Durch Absolventen und Lehrer der Staatlichen Lehrwerkstatt für Ikonenmalerei wurde nun nicht nur auf der stilistischen Grundlage der traditionellen russischen Ikonenmalerei die völlig neue Kunst der Palecher Lackminiaturmalerei begründet, sondern auch die Berufsausbildung der Lackkünstler organisiert. Dabei erfüllten die einstigen erfahrenen Ikonenmaler in der neuen politischen Situation auch den sozialen Auftrag jener Zeit – die während drei Jahren ausgebildeten jungen Meister waren nicht nur in der Lage, einzigartige Kunstgüter für den Export herzustellen, sie sahen sich als Künstler auch der Tradition verpflichtet. Die theoretische Basis für die Ausbildung in der Palecher Kunst der Lackmalerei legte der Kunsthistoriker Anatolij Vasil’evič Bakušinskij. Viele seiner Schlussfolgerungen, die er 1934 in der Monographie Die Kunst Palechs1) formulierte, sind auch heute aktuell. Bereits damals schrieb er: „Die Frage der Gegenwart und Zukunft Palechs wird nicht so sehr durch die Entwicklung der alten Generation der Meister entschieden, sondern vielmehr durch die richtige Ausbildung des Nachwuchses“. Bakušinskij betonte stets, dass sich Palech unbedingt ein neues künstlerisches Denken aneignen  müsse, „…ohne sich selbst, ohne seine vergangene Kunst zu verleugnen, ohne sich von seinen Wurzel zu entfernen“. Dabei war es nicht einfach, in einer säkularisierten Gesellschaft, in welcher der Einfluss der Religion, der religiösen Kunst und der alten Traditionen aus dem individuellen und gesellschaftlichen Bewusstsein ausgemerzt wurde, ein solches Konzept in der Praxis umzusetzen. Die ehemaligen Ikonenmaler benötigten grossen Mut, um z.B. die alten Ikonenmalbücher in einer Zeit aufzubewahren, als diese überall verbrannt wurden. Unter den gegebenen Umständen war es auch unmöglich, die besten Beispiele altrussischer Malerei und die Palecher Ikonographie als methodisches Material für Ausbildungszwecke zu benutzen oder als Vorbilder darzustellen.

Der Beginn des Ausbildungslehrgangs, nun unter der Leitung der Genossenschaft für Alte Malerei, der ersten Vereinigung der Miniaturmaler, wurde auf den Oktober 1926 festgelegt. Der erste Schüler war Pavel Baženov, der an der Staatlichen Lehrwerkstatt für Ikonenmalerei ausgebildet worden war. Im Januar 1928 wurden bereits sechs Schüler aufgenommen. Als Lehrer wurden I. M. Bakanov, I. V. Markičev, I. I. Golikov, A. V. Kotuchin, I. P. Vakurov und D. N. Butorin berufen. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Schüler kontinuierlich, 1929 waren es 24 und 1931 bereits 50. Es war beabsichtigt, die Absolventen ausschliesslich auf die Herstellung von Massenproduktion vorzubereiten. Die Ausbildungsmethode beruhte auf dem Prinzip eines individuellen Unterrichts. Jeder einzelne Lehrmeister musste den Erfolg oder Misserfolg seines Schülers vor dem Kollektiv verantworten. Der Schüler befand sich immer unter der unmittelbaren Beobachtung seines Lehrers. Bakušinskij beschrieb den Vorteil dieser Methode: „Nicht nur der Lehrer kann in jedem beliebigen Moment seine Aufmerksamkeit auf die Arbeit des Schülers richten, sondern auch der Schüler kann stets die Arbeit seines Ausbilders beobachten, er hat den Produktionsprozess direkt vor Augen. Diese Methode gewährleistet ein Höchstmass an Einfluss vom Lehrer auf den Schüler und ein Maximum an Ertrag für den Letzteren1).

 
  1. A. V. Bakušinskij, Iskusstvo Palecha, Moskau/Leningrad 1934.