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Palechs Kunstschule Maksim Gor’kij

Dennoch wurde diese „mittelalterliche Methode“ der individuellen Ausbildung nach wenigen Jahren verworfen. An ihre Stelle trat Mitte der dreissiger Jahre der Unterricht in Klassen – also die Ausbildung in Gruppen. Im Jahr 1935 wurde die Berufsschule zu einer Kunstfachschule umstrukturiert und kam 1936 vom Volkskommissariat für Bildungswesen unter die direkte Leitung des Komitees der Sowjetunion für Angelegenheiten der Künste. Die Schule wurde umbenannt in Maksim Gor’kij Kunstschule. Schwerpunkte der Ausbildung waren die technische Erschliessung elementarer verfahrenstechnischer Methoden der Palecher Miniaturmalerei, die präzise Reproduktion eines Bildes, seine mechanische Vervielfältigung. Die altrussischen Traditionen der Ikonenmalerei wurden nicht gelehrt. In den 1950er Jahren hielt man die Ikonenmalbücher und die Ikonenvorzeichnungen, welche im Palecher Museum verwahrt wurden und anhand derer man die Bildsprache und die stilistischen Traditionen der altrussischen Malerei studieren konnte, für völlig veraltet und archaisch. Auf diese Weise wurde die bedeutende, für die Palecher Malerei ursprüngliche Kunst für drei Jahrzehnte aus dem geistig-schöpferischen, ästhetischen und stilistischen Instrumentarium der Palecher Kunst gestrichen. Die 1940er und 1950er Jahre waren eine der schwersten Phasen in der Geschichte der Palecher Kunst. Sie wurde von vielen Kunsthistorikern und Künstlern wegen den zunehmend realistischen Tendenzen im Kunstschaffen negativ bewertet. Die Palecher Kunst bekam in diesen Jahrzehnten den mächtigen Druck staatlicher Ideologie zu spüren. Der sozialistische Realismus zerstörte das künstlerische Gefüge der Miniatur. Der dem Wesen der Palecher Kunst fremde sozialistische Realismus übertrug sich auch auf die Kunstschule, was in den Diplomarbeiten jener Zeit anschaulich wird. Bis zu 70 Prozent aller Diplomarbeiten zwischen 1948 und 1959 sind Beispiele für den „Palecher Sozrealismus“. Sujets mit Märchen und Bylinen galten als rückständig. Doch an den besten Diplomarbeiten jener Jahre bemerkt man auch den aufrichtigen Realitätssinn der jungen Generation, einen durch den Pathos der Nachkriegsjahre kultivierten unverfälschten Patriotismus: Heroischer Komsomol, Alle zu den Wahlen, Heldentat der sowjetischen Matrosen, Partisanen auf der Lauer, Gruppe einer Kolchose, Rückkehr von der Front, Der Aufbau des Kommunismus.

Die 1960er Jahre bedeuteten für die gesamte sowjetische dekorative Kunst eine Zeit der Wende. In der Kunstschule begannen Versuche, sich mit Beispielen altrussischer Malerei der Stroganovschule sowie der Schulen von Novgorod und Jaroslavl’ zu beschäftigen. Natürlich studierten die Schüler weder die Theorie noch die Ursprünge der orthodoxen Weltanschauung, und es wurde keinerlei spezielle Lehrmethodik der Ikonenmalerei angewandt.

Von herausragender Bedeutung in dieser Zeit war die Mitarbeit des Künstlers, Lehrers und Schriftstellers N. M. Zinov’ev. Dieser entwickelte eine einzigartige Methodik, gestaltete Lehrinhalte für das grundlegende Fachgebiet (Technik der Palecher Miniatur) und stellte als Hilfsmittel für den Unterricht wertvolles didaktisches Material (Originale) zusammen. Der Höhepunkt seiner pädagogischen und wissenschaftlich-methodischen Tätigkeit fällt in die 1960er und 1970er Jahre. Zinov’ev veröffentlichte das von ihm sorgfältig ausgewählte und systematisierte Material in den Büchern Die Kunst Palechs1) und Stilistische Traditionen der Kunst Palechs2). Diese enthalten Hunderte von Musterzeichnungen von Künstlern für die Methodik und Durchführung des Unterrichts in traditioneller Palecher Malerei, sie wurden zu einem äusserst wertvollen Beitrag an die Entwicklung der russischen Kultur. Die von Zinov’ev geschaffenen Kopiervorlagen bilden auch heute noch gut die Hälfte des Bestands an Originalen der Schule.

In den 1970er bis 1980er Jahren war der Beruf des Meisters der Palecher Lackminiatur so hoch angesehen wie nie zuvor. Dies ergab sich aus dem „autarken“ Wirtschaftszweig der Kunstproduktion, die dem Aussenhandel angegliedert war, und der aktiven Protektion Palechs durch den Staat. Deshalb verknüpfte eine überwältigende Mehrheit der Palecher Künstler die Zukunft ihrer Kinder mit diesem Gewerbe. In der Schule liess der Strom auswärtiger Abiturienten nicht nach, vier bis sechs Schüler bewarben sich auf einen Platz. Das Kulturministerium der RSFSR legte einen für die Palecher Kunstschule spezifischen Lehrplan fest, und verlängerte die Ausbildung auf fünf Jahre. Der Palecher Meister war nun vor allem ein Maler, der der nationalen Kunst der Malerei verpflichtet war und der sich die Prinzipien einer bestimmten Gattung der bildenden Kunst, die der stilistischen Traditionen der altrussischen Malerei, angeeignet hatte. Er erlernte also nicht einfach eine handwerkliche Fertigkeit oder die stereotype Ausgestaltung einer Lackminiatur.

 
  1. N. M. Zinov’ev, Iskusstvo Palecha, 1. Aufl., Leningrad 1968, 2. Aufl., Leningrad 1974.
  2. N. M. Zinov’ev, Stilističeskie tradicii iskusstva Palecha, Leningrad 1981.