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Postsowjetische Veränderungen und gegenwärtige Situation

In den 1990er Jahren zerfiel das System der Arbeitsorganisation der Palecher Künstler, und die Berufsausbildung wurde den Bedingungen der freien Marktwirtschaft angepasst, in der das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt. Die Instabilität des ehemals weltweit bekannten und ökonomisch erfolgreichen Gewerbes, die Schliessung eines unlängst noch blühenden künstlerischen Produktionszweiges erzeugte bei den Absolventen der Schule Zukunftsängste. Diese verliessen sich traditionell auf eine garantierte, ihrer Qualifikation angemessene Beschäftigung. Unter den heutigen Bedingungen müssen die Palecher Schulabsolventen ihre Erwerbstätigkeit selbständig planen, sie müssen wie alle anderen freischaffenden Künstler lernen, in der Marktwirtschaft zu arbeiten und zu bestehen.

Mit der Einführung der Staatlichen Bildungsstandards wurde 1997 die Ausbildungsdauer von fünf Jahren auf vier Jahre verkürzt. Seit den 1990er Jahren bis in die Gegenwart funktioniert die Schule unter den neuen sozioökonomischen Bedingungen autonom.

Die aktuelle soziokulturelle Situation in Russland und somit auch in Palech hat sich gegenüber der Vergangenheit grundlegend verändert. Die Palecher Kunstschule arbeitet unter schwierigen Bedingungen, die der traditionellen russischen Kultur einschliesslich der ihr verpflichteten Künstlern nicht förderlich sind. Dazu gehören insbesondere ein Entfremdungsprozess der Jugend von ihren nationalen Wurzeln, ein Bruch zwischen den Generationen und ein aggressives Vordringen der Massenkultur. Als Folge davon verkümmert die Fantasie der Kinder, schöpferisches Wirken und selbständiges Denken treten in den Hintergrund. Da die neuen soziokulturellen Prozesse irreversibel geworden sind und die Ausbildung von Spezialisten mit normativ vorgegebenen Qualitäten den marktwirtschaftlichen Anforderungen nicht mehr entspricht – das zeigt die sinkende Nachfrage nach Lackminiaturen – wird eine inhaltliche und pädagogische Erneuerung der Berufsausbildung für traditionell ausgerichtete Künstler unumgänglich.

Diese pädagogische Neuausrichtung basiert auf einer grundsätzlichen Überlegung: Volkskultur und orthodoxe Kultur bilden ein einheitliches weltanschauliches System mit eigener Symbolik und eigenen Traditionen, sie sind das geistige Fundament einer eigenständigen Nationalkultur. Die Kunst Palechs ist in ihrem Wesenskern eine ausgesprochen russische und zutiefst nationale Erscheinung. Eine Ausbildung auf diesem Gebiet muss sich deshalb eingehend auseinandersetzen mit den Wurzeln dieser Kunst – der altrussischen Malerei – und mit deren geistigen Quellen – der orthodoxen Kultur –, d.h. mit den eigenen nationalen, künstlerischen, ästhetischen und geistigen Werten.

So können an der Kunstschule die Traditionen der Ikonenmalerei Palechs auf der Grundlage der sehr reichen Erfahrung der vorrevolutionären Zeit wiederbelebt werden. Das entspricht den praktischen Ansprüchen und persönlichen Interessen einer Mehrzahl der Studenten, die ganz konkret eine berufliche Tätigkeit als Sakralmaler anstreben. Aus diesem Grund werden neu die Fächer „Ikonenmalerei“ und „monumentale Kirchenmalerei“ unterrichtet. Ebenfalls angeboten werden die Wahlkurse „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ und „Altrussische kanonische Malerei“. Der Erfolg dieser Neuerungen zeigt sich in einer wachsenden Motivation der Studenten, aber auch bei der schnellen Vermittlung von Arbeitsplätzen für die Schulabgänger.

Dabei hat die Schule die Ausbildung in Lackminiaturmalerei nicht eingestellt. Allerdings werden aufgrund einer wachsenden Konkurrenz auf dem Souvenirmarkt, der überfüllt ist mit allerlei Fälschungen in der Art professioneller Erzeugnisse der traditionellen Kunst, auch hier neue Wege gesucht. So begrüsst man den kritischen, neuen Blick der Studenten auf die klassischen Palecher Themen. Deren Ansicht, „schöpferische Variationen“ als kreatives Unvermögen des Urhebers zu betrachten, als Ergebnis von Fantasielosigkeit und gedanklicher Passivität. Deshalb besteht eine der Hauptaufgaben der Schule darin, schöpferische Fähigkeiten, kreatives Denken und die Fantasie des werdenden Künstlers zu wecken. Notwendige Voraussetzungen für den Erfolg eines Künstlers sind seine Intuition und seine Fantasie in Kombination mit seinen Kenntnissen der Theorie und seinen manuellen Fertigkeiten.

Deshalb stellen die Beherrschung der handwerklichen Technik und das Studium der stilistischen Eigenheiten der Palecher Kunst die Basis der Ausbildung dar. Der fundamentale Inhalt des Fachs „Das Handwerk der Palecher Malerei“ ist von den Altmeistern – den Begründern der Palecher Lackminiaturkunst – ausgearbeitet und von N. M. Zinov’ev systematisiert worden.

Der besondere Wert der Palecher Kunst besteht nicht in der Tauglichkeit ihrer Erzeugnisse als Souvenirs, sondern in ihrer Komposition und Professionalität, die auf den überaus reichen ästhetischen Grundlagen der altrussischen Malerei und den besten Traditionen aus der sowjetischen Epoche der Palecher Kunst basieren. Deshalb liegt den Lehrkräften die methodische Vervollkommnung des Kurses „Komposition“ besonders am Herzen.

Auf diese Weise erlangt die berufliche Kunstausbildung in Palech Schritt für Schritt eine der neuen soziokulturellen Situation entsprechende Dynamik. Die Pädagogen bieten neue Kräfte auf, um die einzigartigen nationalen Traditionen von einer Generation an die nächste weiterzugeben, wodurch sich die Zukunft der Kunst in Palech mitgestalten lässt.