Der Hofnarr

Der Hofnarr

1998, Leinwand, Kohle, Eitempera
100 × 70 cm

Die Idee zur Gestalt eines Hofnarren des westeuropäischen Mittelalters, einer verallgemeinerten, typisierten Gestalt, bildete sich in meinem Bewusstsein unter dem Eindruck der Tragödien Shakespeares, insbesondere der Tragödie „King Lear“, heraus.

Die sitzende Figur des müden, erschöpften Hofnarren, der sich vor seinem Herrn in einer abgelegenen Ecke des Königsschlosses versteckt, drückt durch seine entkräf-tete Haltung, durch seinen Blick, durch die Neigung des Kopfes äusserste Mattigkeit, das tiefe innere Erleben eines klugen, geistig reichen Menschen aus, der durch die Umstände gezwungen ist, die niedrige, verachtete Rolle eines Hofnarren zu spielen. Die auf den Hinterkopf geschobene Narrenkappe, die kraftlos herabhängende rechte Hand, die unbewusste Bewegung der linken Hand, die gewohnheitsmässige Bewegung des Aufknöpfens des Gewandes und seine ganze Haltung unterstreichen die Tragik, den seelischen Schmerz und die Auswegslosigkeit seiner Lage.

Die Attribute des Narrenspiels sind chaotisch verstreut. Der Hofnarr ist völlig in sich, in seine Gedanken versunken. Sein wundervolles kluges Gesicht mit der hohen offenen Stirn ist von einem tiefen Gedanken erfüllt. Das lebende Spielzeug des Königs und seines Gefolges – Gegenstand der Verspottung, des Hohns und der Verachtung, gezeigt in seiner Einsamkeit – enthüllt sein außergewöhnliches menschliches Wesen. Das ist die Grund- und Hauptidee meines Vorhabens.

Als ich an dem Bild arbeitete, empfand ich grosses Mitleid und Mitgefühl mit dem Menschen, der gezwungen ist, diese klägliche Rolle zu spielen.

Ich habe absichtlich auf eine farbige Lösung verzichtet, da die notgedrungen grellen, kontrastreichen effekthaschenden Farben des Narrenkleides und aller anderen Attribute unwillkürlich die Aufmerksamkeit des Betrachters vom Grundwesen meines schöpferischen Gedankens ablenken und eine gewisse Zwiespältigkeit in der Wahrnehmung dieser tragisch schönen Gestalt hervorrufen würde.