Die Muse (Allegorie)

Die Muse

2004, Leinwand, Kohle, Eitempera
120 × 100 cm

Die Gestalt der Muse ist in meinem Schaffen nicht zufällig entstanden. Obwohl natürlich ein Bild, wie immer, unerwartet entsteht, sogar unabhängig davon, woran ich im gegebenen Augenblick gedacht habe. Eine gewisse Zeit lang begeisterte ich mich sehr für Poesie und erfuhr am eigenen Leib alle Mühen dieser Arbeit, wobei ich danach trachtete, so tief wie möglich das eigentliche Wesen der Poesie, ihrer Eigenheiten, ihres Reims, ihrer Rhythmen, ihrer Musikalität, ihrer Bildpoesie, ihres Wortverständnisses, des Vordringens zu ihrem wahren Sinn zu ergründen usw. Nachdem ich einige Gedichte geschrieben hatte, spürte ich die Qual meiner Unfähigkeit, meiner ungenügenden Professionalität. Ich konnte mich jedoch keineswegs an den Gedanken gewöhnen, dass ich, ein so tief und  bildhaft denkender und fühlender Mensch, als Künstler nicht in diese Kunstsphäre eindringen konnte. Und so hat mein quälender Zustand des Unvermögens das Bild „Die Muse“ hervorgebracht, das mir zur Hilfe im Traum erscheint.

Nacht. Der Dichter schläft nach langer Arbeit an den Manuskripten. Auf seinem Arbeitstisch sind unordentlich Bücher, Manuskripte, Federn, ziemlich niedergebrannte erloschene Kerzen verstreut. Stille.

Und plötzlich schwebt durch die geöffnete Balkontür völlig lautlos die Muse herein, leicht und durchsichtig, wie ein Traum. Ihr Überhang breitet sich in sehr leichten, durchsichtigen Flügeln aus. Ihr Kleid, ihr Schmuck funkelt und strahlt gleichsam selbst Licht aus. Und sie selbst, ihre Augen, die wundervolle Durchgeistigung ihres Gesichts, die dünnen, zarten Hände – ist vom Licht der Wahrheit, der göttlichen In-spiration des Genius durchdrungen.

Sie ist allherrschend und allmächtig. Das Flattern der zarten, schwerelosen Kleider, ihre feinen Bewegungen unterstreichen ihr überirdisches Wesen. Sie ist eine Abgesandte von oben. Mit lautlosen Schritten nähert sie sich dem Tisch des Dichters und legt eine wunderbare Feder auf den Tisch – das Symbol der Erleuchtung und der Inspiration. In der rechten Hand hält die Muse eine brennende Kerze – das Zeichen des göttlichen Segens des Dichters für neue geniale Eingebungen. Das alles ist nur ein Traum des Dichters, aber ein für ihn segenspendender Traum. Und es zeigt sich, dass die Inspiration unfehlbar ihre Früchte bringt. Hinter dem zurückgeschobenen Vorhang steht eine Büste des grossen Homer. Er ist gleichsam Zeuge dieses Geheimnisses. Er selbst ist der Ausgangspunkt aller Dichtung. Sowohl seine Anwesenheit, als auch das Geheimnis sind Zeichen dafür, dass die Dichtkunst ewig ist.

Das bleiche Mondlicht beleuchtet weich die Gartenblumen, als Heiligenschein konzentriert es sich um das Köpfchen der Muse, indem es sich über die Flügel des Umhangs ergiesst und sich mit dem Licht der Kerze vermischt.

Die Handlung vollzieht sich. Der durch die Vorstellung des Künstlers festgehaltene Augenblick verlängert diese wunderbare Verzauberung.