Herbst. Allegorie

Fragment

Herbst. Allegorie

2002—2003
150 × 250 cm

„Herbst. Allegorie“ ist eines meiner ersten Werke mit monumental-allegorischer Bildkonzeption.

Da ich seit langer Zeit auf dem Lande lebe und beständig die Natur in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit vor Augen habe, bin ich stets hingerissen von ihrer Schönheit, ihrer unmerklichen Veränderung. Aus dem Fenster meines Ateliers unmittelbar hin-ter dem Gutshof ist ein kleiner Birkenhain, durchmischt von Espen, Ahorn, Fichten, Kiefern und verschiedenartigen Büschen, zu sehen. Als ich mich einmal am Zauber des herbstlichen Hains erfreute und hinter der Vielfalt seiner Farben und Schattierungen die vorabendliche Stille vernahm und bemerkte, wie langsam ein leichter Nebel aufzog, entstand in mir plötzlich der Gedanke, diese ganze Schönheit der russischen Natur zu vergeistigen, zu beleben, indem ich sie in allegorischen, sich in der Zeit (von September bis November) verfliessenden Bildern vorstellte.

Und das unwirkliche, erhabene Bild begann in meiner Phantasie Gestalt anzunehmen. Die Monate als mythisch-männliches Fundament in der Natur, der Herbst selbst als wunderschöne, aber bereits welkende Frau. All´ dies verschwommen, irreal, wenig differenziert, gleichsam aus der Natur selbst entstehend und sich als ihr organischer Teil zeigend. Und alle Phantasiegebilde begannen sich leicht und frei zu seltsamen Ornamenten des Hains zu verflechten. Ihre Gewänder waren geschmückt mit fallendem Laub, verflochtenen Zweigen, wunderbaren Blumen, Waldbeeren, Perlentautropfen. Die leichten, lockeren Gewänder der Figuren wallen bald luftig-weich, bald fallen sie ruhig herab. Absolute Stille. Die kaum sichtbaren Nebelschwaden (wörtlich: Mähnen des Nebels, F.K.) kriechen langsam zwischen die Gestalten und Bäume; sie verleihen den Figuren eine überirdische Erhabenheit und verflüchtigen sich auf dem abgemähten Feld. Nichts stört die Ordnung der Elemente. Den langsam sich verdunkelnden Himmel beleuchten die weichen und zarten Strahlen des Sonnenuntergangs. Unmerklich und lautlos fallen welke Blätter. Die vertikalen Linien der erstarrten Bäume, aufgelöst vom vorabendlichen Himmel, verstärken noch die Empfindung allgemeiner Harmonie und Eintracht. Indem er das bekränzte Haupt neigt und die Hände vor der Brust kreuzt, entfernt sich traurig der September. Auf seiner Schulter ruht eine glänzende Sichel, das Symbol der Ernte. Das schöne Gesicht des Herbstes ist nachdenklich. Seine Kleider wehen wie Nebelschwaden, als ob sie sie hervorbrächten. Er fühlt die Nähe des Novembers und die Vergänglichkeit der Zeit. Neben ihm schreitet langsam und erhaben der Oktober (der Jäger). Er führt mit dem Herbst ein unhörbares, unbestimmbares Gespräch. Mit einer leichten Bewegung der rechten Hand verstreut er fallende Blätter ... Rechts vor ihnen erwartet sie der November mit einer Fackel in der Hand, denn es dunkelt und wird kühl, die Natur erkaltet. Nah ist das Ende des Herbstes. Kurz nur noch ist seine Zeit. Die überirdischen, wundersamen Bilder lösen sich auf und verschwinden. Die prachtvollen Gewänder wirken trügerisch. Der Hain entblättert sich und verwaist; er bereitet sich darauf vor, die ersten Schläge eines Unwetters zu empfangen.

Trostlose Jahreszeit!
Der Augen Zauber.
Angenehm ist mir deine Abschiedspracht.1)

Eine schöne, stille, zärtliche, traurige Symphonie, aber hinter ihr tönt schon kaum hörbar ein Requiem.

  1. Anfang der VII. Strophe des Gedichts „Osen´ (Otryvok)“ [´Herbst (Fragment)´] aus dem Jahre 1833 von Alexander Puschkin.